Mrz
4
2016

Schuldenfrei? Leider nur die halbe Wahrheit.

Am Dienstag, den 01. März konnten die Verantwortlichen des VfL Osnabrück website endlich vor die Presse treten und verkünden, dass man ja nun “schuldenfrei” sei. Die Lösung, die man dort präsentierte und die schon seit längerem im Raum schwebte sichert zunächst einmal das weitere Bestehen des Gesamtkonstruktes: nicht mehr und nicht weniger. Aber die entscheidende Weichenstellung muss woanders stattfinden. Und hier gibt es noch reichlich Baustellen und Fragezeichen, die man – sei es aus Kalkül oder aus Bequemlichkeit – viel zu lange vor sich hergeschoben hat:

Der Besserungsschein:

Betrachtet man die Lösung einmal näher, ist die Formulierung “schuldenfrei” nur die halbe Wahrheit. Wenn man den Verantwortlichen Bösartigkeit unterstellen wollte, könnte man auch von einem Täuschungsmanöver sprechen. Die im Zusammenhang mit der Entschuldung erwähnten Besserungsscheine sind nämlich nichts anderes als die schon in der Ära Rasch (Prütz, Gans und Co) sehr beliebten Eventualverbindlichkeiten. Das bedeutet, sobald die Gesellschaft Überschüsse erwirtschaftet, fließen diese an die Gläubiger bzw. zur Entscheidung in den Gläubigerausschuss. Bedeutet aber ebenso, dass man eben nicht volle “Handlungsfreiheit” gewonnen hat. Überschüsse fließen ab und können eben nicht zur Gestaltung der Zukunft herangezogen werden. Eine Rücklagenbildung für schlechte Zeiten, die in jedem gesunden und anständig geführten Unternehmen selbstverständlich ist, kann nicht stattfinden. Aus Sicht der Gläubiger verständlich. So behält man die volle Kontrolle. Als Vertrauensbeweis gegenüber den handelnden Personen ist das aber eher nicht zu werten.

Das Minus im operativen Geschäft oder das Märchen vom “Tournaround”:

Auf der letzten Jahreshauptversammlung wurde für das vergangene Geschäftsjahr ein mit gewohnt blumigen Worten dekoriertes operatives Minus von 1.1 Millionen Euro ausgewiesen. Damit verfehlte man die eigenen Planzahlen um 850.000 Euro. Leider muss man davon ausgehen, dass die Bilanz auch dieses Jahr nicht viel besser ausfallen wird. Eine identische Planung wie im Vorjahr, selbstverschuldete unnötige Ausgaben wie die vorzeitige Verlängerung mit Maik Walpurgis aber auch von den Verantwortlichen nicht verschuldete Ereignisse wie der Feuerzeugwurf werden auch in diesem Jahr tiefe Spuren in der Bilanz hinterlassen. Wenn das so weitergeht kann uns eigentlich nur der überraschende Aufstieg in die zweite Liga vor einem erneuten Schuldenberg bewahren. Wir können Joe Enochs und seinem Team nur die Daumen drücken. Aber was ist wenn nicht? Die Verantwortung für den von Jürgen Wehlend oft versprochenen “Turnaround” sollte jedenfalls nicht bei Joe Enochs liegen, sondern bei demjenigen, der solche vollmundigen Versprechungen in den Mund nimmt.

Die fehlende Besetzung der Sportdirektor-Position: Eine leidige Dauerbaustelle.

Mit einem echten Sportdirektor als Vorgesetzten aller sportlichen Angestellten, der eine Strategie für die gesamte Fußballabteilung verfolgt, der sich dafür verantwortlich fühlt und auch ein Ohr bei der Mannschaft hat, hätte man die problematische Personalie Maik Walpurgis sicherlich kostenneutral gelöst. Stattdessen wurde im JLZ jahrelang auf Top-Niveau und strategisch gearbeitet, während sich die Lizenzspielerabteilung mit jedem Trainerwechsel neu aufstellen musste. Ein Austausch fand so gut wie nicht statt. Ein gemeinsames Leitbild war nicht vorhanden. Stattdessen will man eine solche Position, die für das eigentliche Kerngeschäft des Vereins verantwortlich ist, auch weiterhin nicht besetzen und weiterhin auf das Modell Lothar Gans setzen. Immerhin bekommt seine Tätigkeit wieder mal einen neuen Namen. Man darf gespannt sein, was sich die Verantwortlichen als Jobbezeichnung einfallen lassen.

Die zerschnittene Tischtuch mit den Fans:

Dass die Fanarbeit seit dem Antritt des neuen Präsidiums zu wünschen übrig lässt, ist ein offenes Geheimnis. Bemühte sich in der Vergangenheit besonders der im Januar verstorbene Christoph Ehrenberg um den Dialog mit den Fans, so rückte das zum Ende seiner Amtszeit und vor allen Dingen im letzten Jahr unter Brunn und Queckenstedt immer mehr in den Hintergrund. Regelmäßige runde Tische: Fehlanzeige. Einen von allen Seiten akzeptierten Fanbeauftragten sucht man ebenfalls vergeblich, nachdem die beiden letzten – entnervt von der unbefriedigenden und unverbindlichen Zusammenarbeit mit Jürgen Wehlend – ihre Position zur Verfügung gestellt haben. Das Ergebnis dieser Untätigkeit konnte man dann zuletzt beim Spiel gegen Magdeburg in der Kurve im Rahmen der Inferno-Geburtstagschoreo bewundern. Erstmals seit Jahren brannten in der Ostkurve wieder bengalische Feuer. Was von den Einen als nostalgischer Blick in die Vergangenheit gefeiert wurde, wurde von den Anderen als große Dummheit und vereinsschädigend verurteilt. Unabhängig davon wie man zur Pyrotechnik steht, ist es aber vermutlich vor allen Dingen ein Mittelfinger in Richtung der Verantwortlichen und ein Ergebnis des fehlenden aufrichtigen Dialogs. Dass der Schuldige von Jürgen Wehlend nur auf der anderen Seite des Zauns gesucht wird, kann man – wenn man sich tiefer mit der Materie beschäftigt – nur belächeln. Selbstkritik? Fehlanzeige. So verfestigt sich der Eindruck, dass für ihn Fans lediglich Kunden sind, die die Kasse füllen oder am Ende der Saison die Lizenz retten, aber bloß keine eigene Meinung haben sollen.

Mitgliederbeschlüsse werden beharrlich ignoriert:

Schon seit in Kraft treten der aktuellen Satzung wird allen Seiten immer wieder bewusst, dass es sich bei dieser Satzung eben nicht um den großen Wurf handelt, als der sie immer verkauft wurde. Gleiches gilt für das Gesamtkonstrukt und das Geflecht von e.V. und seine Tochtergesellschaften. Den Mitgliedern wird ein großer Teil der Einflussnahme und Kontrollmöglichkeit verwehrt, indem zwei Plätze im Aufsichtsrat der GmbH & Co KGaA, die dem e.V. zustehen, bewusst unbesetzt bleiben. Und das obwohl der e.V. und damit alle seine Abteilungen – auch mit Wegfall der Patronatserklärung – immer noch in der Haftung ist. Diesen Misstand sollte durch einen – mit großer Mehrheit auf der JHV 2015 angenommenen – Antrag behoben werden, der das Präsidium verpflichtet die Satzung der GmbH & Co KGaA dahingehend zu ändern, dass die beiden offenen Plätze per Mitgliedervotum bestimmt werden. Dieser Beschluss ist inzwischen über 3 Monate alt und es ist weder etwas passiert, noch ist die Verzögerung den Mitgliedern stichhaltig begründet worden. Ein solch respektloser Umgang mit Anträgen und Rechten von Mitglieder ist absolut inaktzeptabel und macht deutlich wie weit sich die Verantwortlichen von der Basis entfernt haben. Die Gedankenspiele der Vereinsführung, diese beiden dem e.V. zustehenden freien Plätze für mögliche Investoren freizuhalten, kann man nur als weiteren Indikator dafür werten. Das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder kann keine Verhandlungsmasse für die Sponsorenakquise des Geschäftsführers sein.

Es gibt noch viel zu tun.

Wie man sieht, ist lange nicht alles Gold, was glänzt. Wir können nur hoffen, dass es sportlich – trotz des Rückschlags gegen Dynamo Dresden – weiterhin so läuft und diese großartige sportliche Entwicklung nicht dazu genutzt wird alle anderen Themen zu ignorieren. Vielmehr sollte man diesen gemeinsamen Nenner dazu nutzen den Verein vertrauensvoll und gemeinsam weiterzuentwickeln.

1 Kommentar + neuer Kommentar

  • Traurig aber wahr.
    Was ein bisschen positiv stimmt,ist, das es diesmal den von den Verantwortlichen wohl erhofften großen Jubelschrei in der VfL-Gemeinde nicht gab. Es ist nicht mehr so einfach, der Mehrheit alles was glänzt als Gold zu verkaufen. Da nützt selbst die Bild-Zeitungs-Niveau erreichende NOZ-Überschrift vom angeblich plötzlich schuldenfreien VfL nichts mehr. Was als großer Wurf verkauft werden sollte, erweist sich bei näherem Hinsehen eher als Rohrkrepierer. In der Praxis eher eine weitere Stundung als wirklicher Schuldenschnitt.
    Naja- und was den Umgang mit den eigenen Mitgliedern und Fans betrifft, fällt einem sowieso fast nichts mehr ein….

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